Helmholtz-Zentrum Geesthacht, 2016-06-29
http://www.hzg.de/012291/index_0012291.html.de

Die Flucht vor dem Klimawandel

von Maria Máñez Costa (Climate Service Center) und Jürgen Scheffran (Klimacampus Hamburg)
Die Sekretärin der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC: UN Framework Convention on Climate Change), Christiana Figueres, bezeichnete bei einer Konferenz in Bangkok die durch Klimaveränderungen bedingte Nahrungsknappheit und Preisinstabilität als den Hauptauslöser der Unruhen in den nordafrikanischen Staaten. Zusätzlich wies sie darauf hin, dass der steigende Meeresspiegel sowie die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Unwettern, Pandemien, Hitzewellen und Dürren eine massive Abwanderung innerhalb der betroffenen Länder und über deren Grenzen hinaus auslösen können.
© Amnesty International - Flüchtlinge in Somalia

© Amnesty International - Flüchtlinge in Somalia

Bereits 1990 nannte der erste Bericht des Weltklimarats (IPCC: Intergovernmental Panel on Climate Change) Migration als eine der zu erwartenden Konsequenzen des Klimawandels, ausgelöst etwa durch Ernteausfälle oder den Meeresspiegelanstieg. Zwischen diesen beiden Äußerungen liegen 20 Jahre. Was ist in dieser Zeit geschehen?

Seit Anfang der 1990er Jahre wurden die Zusammenhänge zwischen Umweltveränderungen und Gewaltkonflikten verstärkt untersucht (Homer-Dixon, 1991, 1996; Bächler et. al., 1996; Bächler, 1998; Percival und Homer-Dixon, 1997; im historischen Rückblick: McLeman, 2011). Dies veranlasste Kaplan (1994), von der „kommenden Anarchie“ zu sprechen. Zur gleichen Zeit entwickelte sich eine Diskussion über Umweltflüchtlinge, die als Folge von Umweltzerstörungen genötigt sein könnten, ihre Heimat zu verlassen (Wöhlcke, 1993; Scheffran, 1994; Richter, 1998). Das Problem der Klima- und Umwelt-Migration entwickelt sich zunehmend zu einer der zentralen politischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts (Morton et al. 2008).

Naturkatastrophen, Extremwetterereignisse und die Gefährdung von Ökosystemdienstleistungen führen zu Ressourcenknappheit und Umweltkonflikten, die Menschen zur Flucht zwingen können. Von etwa 208 Millionen Menschen, die im Jahr 2008 von Naturkatastrophen betroffen waren, wurden etwa 36 Millionen Menschen zu Flüchtlingen, darunter etwa 20 Millionen infolge klimabedingter Ereignisse (OCHA, IDMC, NRC, 2009).

Nach Angaben der International Organisation for Migration (IOM) gibt es weltweit insgesamt etwa 192 Millionen Migranten. Eine Reihe von Prognosen kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl weiter deutlich steigen wird. Als direkte Ursachen werden Umweltveränderungen und Wetterextreme (z.B. Dürren) genannt.

Indirekt können ökonomische Probleme und Konflikte infolge des Klimawandels dafür verantwortlich sein. Die Schätzungen über die Zahlen von Klimamigranten schwanken in der Fachliteratur stark. Während Myers (2002, 2005) von 200 Millionen Klimaflüchtligen ausgeht, rechnet das Sekretariat des UN-Generalsekretärs (2009) mit 50 bis 350 Millionen. Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) prognostiziert, dass 10 bis 25 Prozent aller Migrationsströme durch Klimawandel und dessen Folgen verursacht werden. Brown (2010) setzte sich kritisch mit dieser Schätzung auseinander und wies darauf hin, dass unter diesen Bedingungen die aktuellen Zahlen um das Zehnfache übertroffen würden. Auch Jakobeit/Methmann (2007) kritisieren überzogene Schätzungen.

Auf dem letzten Weltklimagipfel in Cancún wurde das Problem nachdrücklich thematisiert. Im Absatz 14 (f) des Cancún Agreements legte die internationale Gemeinschaft erstmals fest, dass sich Regierungen mit dem Thema klimabedingter Abwanderung aus benachteiligten Regionen beschäftigen sollen, um Klimamigration besser verstehen und um erfolgreicher miteinander kooperieren zu können:
“Measures to enhance understanding, coordination and cooperation with regard to climate change induced displacement, migration and planned relocation, where appropriate, at the national, regional and international level”
Falls die Mitgliedsstaaten der UNFCCC diesen Artikel des Cancún Agreements umsetzen wollen, sind genauere Schätzungen über die Kosten von klimabedingter Migration notwendig.

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Migration und rechtliche Situation

Schlussfolgerung