Helmholtz-Zentrum Geesthacht, 2016-05-28
http://www.hzg.de/060605/index_0060605.html.de

Interview mit Dr. Daniela Jacob zum Web-Atlas und den Ergebnissen des Projekts IMPACT2C

Binnen vier Jahren hat ein Forscherteam aus zwölf europäischen und vier asiatischen bzw. afrikanischen Ländern im Rahmen des EU-Projektes IMPACT2C umfangreiche Studien zu den Folgen einer Erhöhung der globalen Mitteltemperatur um 2 Grad Celsius für die Bereiche Klima, Energie, Gesundheit, Land-und Forstwirtschaft sowie Ökosysteme, Wasser, Tourismus, Küsten für ganz Europa und besonders betroffene außereuropäische Hotspots durchgeführt. Das Team koordinierte Frau Dr. Daniela Jacob, Direktorin des Climate Service Center Germany.


Daniela Jacob © Christian Schmid/HZG Daniela Jacob © Christian Schmid/HZG

Das Team des IMPACT2C Projekts hat 53 Kernaussagen formuliert, 43 davon zu Themen, die Europa betreffen. Welches sind die zentralen Aussagen des Berichtes?
Die Erwärmung wird in den meisten Regionen in Europa höher ausfallen als im globalen Durchschnitt. Zu diesem Ergebnis kommen alle Modelle. In Bezug auf den Niederschlag zeigt sich für Europa das bereits bekannte, robuste Muster mit einer projizierten Niederschlagszunahme für den nördlichen Teil und einer projizierten Abnahme für das südliche Europa. Im Sommer wird die Niederschlagsmenge in einigen Regionen Zentral- und Südeuropas um bis zu 20 Prozent sinken. Im Winter dagegen, auch das zeigen die Ergebnisse der Modellsimulationen, wird der Niederschlag über weiten Teilen Europas zunehmen, in Nordeuropa sogar um bis zu 20 Prozent.

Wenn sich die bodennahe Temperatur global um 2°C erwärmt, können in ganz Europa vermehrt extreme Ereignisse auftreten. Das gilt für extremere Niederschläge und auch für häufigere, intensivere und länger andauernde Hitzewellen. Schon bei einer Zunahme von 2°C wird sich die Anzahl der Hitzewellen voraussichtlich verdoppeln. Dies wird negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben. Die Hitzesterblichkeit, so die Projektionen, wird in ganz Europa steigen und bestehende gesundheitliche Probleme können sich während Hitzewellen weiter verschärfen.

Eine 2°C Erwärmung hätte in allen untersuchten Sektoren und Regionen klimatische Änderungen zur Folge. Diese sind je nach Bereich und Region unterschiedlich stark ausgeprägt. Es wird jedoch deutlich, dass bereits bei einer Erwärmung um 2°C Anpassungsmaßnahmen getroffen werden müssen. Weiterhin wird anhand von Fallstudien erkennbar, dass bei einer Erwärmung von 3°C die zu erwartenden Klimafolgen in allen untersuchten Sektoren und Regionen stärker ausfallen würden.

Es gibt auch Regionen und Sektoren die durch eine Erwärmung um 2°C positiv beeinflusst werden können. Ein Beispiel hierfür ist der Sommertourismus in Zentral und Nordeuropa, auf den sich steigende Temperaturen und eine höhere Anzahl von Sonnenstunden positiv auswirken würden. Allerdings zeigen sich für den Wintertourismus durch die Erwärmung negative Entwicklungen, da die Schneesicherheit geringer wird.

Eine sektorübergreifende Hotspotanalyse für die Bereiche Wasser, Landwirtschaft, Ökoystemdienstleistungen und Gesundheit führt zu einem ausgeprägten Nord-Süd-Gradienten in Europa bezüglich der Anzahl identifizierter Hotspotregionen. Generell zeigt sich für das südliche Europa eine Anhäufung von „Klimawandel-Verlierern“ (Regionen, in denen die negativen Klimafolgen überwiegen), während sich für das nördliche Europa tendenziell mehr „Klimawandel-Gewinner“ abzeichnen.

In einer um 2°C wärmeren Welt würde sich die landwirtschaftliche Gesamtproduktion in Europa im Vergleich zu heute um 30 Prozent erhöhen. Zwar hat der Klimawandel einen negativen Effekt auf die Produktion Dieser wird jedoch durch die bis dahin zu erwartende technologische Weiterentwicklung überkompensiert. Dies veranschaulicht, wie wichtig es ist, in Bezug auf mögliche Klimawandelfolgen das betrachtete System ganzheitlich über alle betroffenen Sektoren hinweg zu simulieren und nicht nur einzelne Komponenten daraus zu betrachten.

Eine Begrenzung der Erwärmung auf 2°C würde nicht gleichzeitig auch zu einem Stopp des Meeresspiegelanstiegs führen, da dieser träge auf Temperaturerhöhungen reagiert und langfristig weiter ansteigt. Dementsprechend werden sich sogar die Kosten durch wiederkehrende Sturmfluten und Überschwemmungen weiter erhöhen, obwohl bereits Maßnahmen zur Anpassung ergriffen wurden. Die höchsten Hochwasserkosten werden für die Nordseeanrainerstaaten und Städte projiziert.

Wie lauten Ihre beiden zentralen Aussagen zu den außereuropäischen Hotspots?
Insbesondere Bangladesh und Inseln wie die Malediven, die heute auf Meeresspiegelhöhe liegen, werden die Folgen des Klimawandels spüren. Auch wenn es gelingt, den Anstieg der globalen Temperatur auf 2 Grad Celsius zu stabilisieren, wird der Meeresspiegel weiter ansteigen. Mit einem Anstieg des Meeresspiegels könnten Sturmfluten und Überschwemmungen trotz Anpassungsmaßnahmen häufiger auftreten.

Für das Niger-Einzugsgebiet in Westafrika sowie für den Blauen Nil im Hochland von Ostafrika, liegt die Erwärmung über der globalen Entwicklung. Westafrika könnte leicht erhöhte Niederschlagswerte erwarten, während sich für Ostafrika kein deutlicher Trend abzeichnet.

Zudem zeigen die Ergebnisse von IMPACT2C, dass in beiden Gebieten die Hochwässer und damit das Überschwemmungsrisiko zunehmen können. Zugleich zeigen die Projektionen, dass landwirtschaftliche Dürreereignisse in den meisten Regionen intensiver und länger anhaltend auftreten können.

Wie beeinflusst IMPACT2C die Diskussion auf dem Weltklimagipfel (COP 21+ CMP 11) in Paris, der vom 30. November bis zum 11. Dezember stattfinden wird?
Die Ergebnisse von IMPACT2C zeigen klar und deutlich, dass schon eine globale Erwärmung von 2 Grad Celsius zu Veränderungen in vielen Lebensbereichen führen wird. Hiervon sind nicht nur Afrika und die Inselstaaten betroffen, sondern auch Europa, wenn auch schwächer. Es wird regional selbst dann schon Erwärmungen von mehr als 2 Grad Celsius geben, verbunden mit längeren und häufigeren Hitzewellen, aber auch mit einer deutlichen Tendenz zur Zunahme von Starkniederschlägen. In weiten Teilen Zentral- und Südeuropas zeigen die Projektergebnisse eine Zunahme von Hochwasserabflussmengen, während es in den Nordsee-Küstenregionen zu häufigeren Überflutungen kommen kann. Dies wird, wie oben geschildert, Auswirkungen auf viele unterschiedliche Bereiche haben.

Angesichts dieser klaren Ergebnisse hoffe ich, mit dem Projekt zu den Hintergrundinformationen beigetragen zu haben, auf denen die Diskussionen auf der COP21 beruhen. Eine Einigung auf ein gemeinsames 2°C-Ziel ist absolut notwendig.


Zum IMPACT2C Web-Atlas