Durchbruch in Durban: Weltklimagipfel beschließt Fahrplan zu einem neuen Klimavertrag
Zähes Ringen um einen verbindlichen Schlusstext. Foto: iisd.ca
Mit einem Kompromiss ging die UN-Klimakonferenz in Durban am Sonntag in den frühen Morgenstunden zu Ende. Der Kyoto-Prozess wird fortgeführt. Erstmals wurde ein vertraglicher Rahmen gefunden, der alle Länder einschließen soll. In einem Nachfolgeabkommen werden ab 2020 auch die Schwellenländer eingebunden. Auch der grüne Klimafonds, der weltweit vor allem Klimaschutzprojekte und den Umstieg auf Zukunftstechnologien finanzieren soll, ist beschlossene Sache. Doch nach dem hektischen Verhandlungs-Marathon bleiben viele Fragen.
Überraschender Erfolg oder Hülle ohne Inhalt?
Aus Durban Reimund Schwarze und Tilo Arnhold
Die Minister-Indaba kurz vor Schluss der Konferenz, in der Mitte EU-Kommissarin Connie Hedegaard. (Foto: www.iisd.ca)
Das so genannte Durban-Paket hat eine für alle gültige Regelung mit Rechtskraft unter der Konvention gebracht. (Im Klimadiplomaten-Englisch heißt dies dann: „outcome with legal force under the convention applicable for all“.) Die Zeit der freiwilligen Klimaschutzbeiträge einzelner Länder und die Trennung in Industriestaaten einerseits und Entwicklungs- und Schwellenländer anderseits könnte damit demnächst zu Ende gehen. Europas Klimaverhandler können das als diplomatischen Erfolg verbuchen. Die EU hat die Tagesordnung auf der Konferenz dominiert, neue Allianzen geschmiedet und mit ihrer Alles-oder-nichts-Taktik dafür gesorgt, dass sich alte Lager aufgelöst haben. Am Ende zogen Europa, Entwicklungsländer, USA, Brasilien und andere gemeinsam an einen Strang. Das Lager der Schwellenländer gibt es praktisch nicht mehr. Brasilien und Südafrika sind auf die EU-Position umgeschwenkt. „Lediglich“ China und Indien wehren sich gegen die Umverteilung der Klimalasten. Die Zeit, als die Schwellenländer Klimaschutz als alleinige Aufgaben der Industriestaaten des Nordens abtun konnten, scheint vorbei zu sein. Daran war vor Durban nicht zu denken. Dies steht mit Sicherheit auf der Habenseite der 2011er UN-Klimakonferenz.
Abschlussplenum der Weltklimagipfels. Foto: UNFCCC
Anderseits stellt sich die Frage: Was ist das Ergebnis eigentlich wert? „We don´t want an empty box“ – „Wir wollen keine leere Verpackung“ war eine der häufigsten Redewendungen vieler Länder in den letzten Tagen. Gelingt es nicht, Durban tatsächlich mit Leben zu füllen, dann könnte aber genau das passieren. Denn an konkreten Beschlüssen mangelt es nach Durban. Der Grüne Klimafond ist beschlossen, seine Finanzierung ist aber noch unsicher. Kyoto wird um mindestens fünf Jahre verlängert. Ein neues verbindliches Klimaabkommen soll spätestens 2015 beschlossen werden und dann 2020 in Kraft treten. Die Staaten sind also immer noch auf dem Weg zu einem Abkommen, dass die Schwächen und Probleme der bisherigen Klimaabkommen beseitigt. Konkrete Reduktionsziele werden, wenn überhaupt, dann erst später verhandelt. Ob in einem Jahr gerade im Erdöl-Emirat Katar ein neues Abkommen Gestalt annehmen wird, stimmt viele Beobachter nachdenklich. Eine drastische Reduktion der Treibhausgase weltweit ist also noch nicht in Sicht – auch wenn in Südafrika vielleicht der diplomatische Grundstein dafür gelegt wurde. Nach wie vor steuert die Menschheit auf eine heiße Zukunft zu. Selbst wenn am Zwei-Grad-Ziel festgehalten wird – die Zeichen stehen immer noch auf drei, vier oder mehr Grad, mit denen die nächsten Generationen zu kämpfen haben werden.
"Geringere Reduktionspflichten als annonciert"
Reimund Schwarze
In einem Interview bewertet Prof. Dr. Reimund Schwarze die Ergebnisse des UN-Klimagipfels. Er befasst sich am Climate Service Center Germany (CSC) mit den ökonomischen Folgen des Klimawandels sowie mit Fragen der internationalen Klimapolitik. Das CSC gehört zum Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Auf der Klimakonferenz in Durban war Schwarze als Beobachter und als Delegationsmitglied von Mali akkreditiert.
Interview: Nick Reimer und Verena Kern
Konferenzmarathon: Das Hoffen hält an
Aus Durban: Tilo Arnhold
Müdigkeit macht sich breit. Foto: Tilo Arnhold/UFZ
Samstagabend kurz vor Mitternacht. Eigentlich sollte die Konferenz schon vor über 24 Stunden zu Ende sein. Gähnende Leere auf den Gängen. Es herrscht etwas Anarchie. Im zweiten großen Saal findet „Public Viewing“ statt. Konferenzteilnehmer haben sich es sich an den Tischen bequem gemacht. Hier haben sie freie Wahl, ob sie bei Simbabwe, Portugal oder anderswo sitzen wollen. Der EU-Sitz ist verwaist – ganz im Gegensatz zum richtigen Sitzungssaal.
Nebenan kämpft die EU noch für ihre Position. Die Berichte zum Kyoto-Protokoll gingen relativ schnell durch. Im anderen Verhandlungspfad geht es dagegen langsamer zu. Beim Langzeitpfad AWG-LCA gibt es eine Wortmeldung nach der anderen. Man wird das Gefühl nicht los, dass dies Teil einer Zermürbungstaktik ist – in der Hoffnung, dass im Morgengrauen der Widerstand gegen die Dokumente einschläft.
Gerade als der Vorsitzende verkündet hat, dass das Dokument der AWG-LCA zur COP weitergeleitet wird, probt Venezuela mal wieder den Aufstand. Kurze Denkpause, dann der Hinweis, dass South African Airways morgen zusätzliche Kapazitäten bereitstellt, um die Konferenzteilnehmer nach Hause zu fliegen. Auch eine Art, Hindernisse aus dem Weg zu räumen.
Kurz vor 23 Uhr wird die Sitzung für eine Pause unterbrochen, danach soll es weitergehen. Auf dem Programm steht noch der Grüne Klimafond (GCF) und vor allem die große Endabstimmung. Ob Durban auch inhaltlich neue Maßstäbe setzen kann, muss sich dann zeigen. Bis dahin wird die Geduld der Anwesenden auf eine harte Probe gestellt.


