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 | GERICS Pressefrühstück

Einschätzungen zur COP23: Neue Dynamik jenseits der nationalen Ebene

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„Der entschlossene Wille aller Teilnehmenden des Weltklimagipfels, gemeinsam die Erwärmung möglichst stark einzudämmen, hat mehr als auf allen anderen Treffen zuvor die Stimmung geprägt. Dabei sind insbesondere die Städte zunehmend die Treiber der Entwicklung, und nicht mehr ausschließlich die Regierungen“, sagte Professorin Daniela Jacob nach ihrer Rückkehr von der COP 23 auf dem Pressefrühstück im Climate Service Center Germany (GERICS) in Hamburg. „Tief beeindruckt hat mich das Engagement der US-Staaten und Firmen“, fügte die Direktorin des GERICS und Mit-Autorin des nächsten Sonderberichts des Weltklimarats hinzu.

„Wesentlicher Prozess der politischen Verhandlungen der COP war die Entwicklung eines Regelwerks (‚rule book‘), um die Umsetzung des Paris-Abkommens zu realisieren“, so Tania Guillén Bolaños, die am GERICS zu klimapolitischen Themen forscht. Dieses Regelwerk, welches auf der COP24 in einem Jahr verabschiedet wird, soll die Umsetzung des Pariser Abkommens sicherstellen, d.h. die Realisierung der Begrenzung der Erwärmung einerseits und der Anpassung an die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels andererseits. Die Eindämmung der Erwärmung ist nur durch die drastische Verminderung der Treibhausgasemissionen möglich. Wie dieses Ziel erreicht werden kann, muss nun konkretisiert werden.

Für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels ist die Implementierung wirksamer Maßnahmen ein zentraler Aspekt. Dies bedeutet auch, dass solche Maßnahmen zunächst entwickelt, aber auch evaluiert werden müssen. Viele Lösungen existieren bereits, aber vieles muss auf andere Situationen übertragen oder gänzlich neu erarbeitet werden. „Die Wirkung von Anpassungsmaßnahmen zu messen, wird eine echte Herausforderung, der wir uns aber unbedingt stellen müssen“, erläutert Katja Lamich, Politikwissenschaftlerin am GERICS. Die Einschätzung der Wirksamkeit sowie Vergleichbarkeit sind wichtige Säulen der Realisierung des Pariser Abkommen-Ziels der Anpassung.

Die Präsidentschaft der COP durch die Fidji-Inseln hat dem Themenkomplex ‚Loss and Damage‘ (Verlust und Schaden) mit der realen Bedrohung durch den Meeresspiegelanstieg eine traurige Brisanz verliehen. Die diesjährige Hurrikansasion hat zahlreiche Menschenleben gefordert und enorme Sachschäden verursacht. Für ganze Regionen stellt sich die Frage, ob sie unbewohnbar werden, was die Grenzen von Anpassung aufzeigt. Diese Probleme verdeutlichen einen entscheidenden Aspekt der Klimaanpassung: Klimabedingte Verluste und Schäden verursachen enorme Kosten – wer soll dafür aufkommen? Wie soll die Finanzierung durch die Staatengemeinschaft geregelt werden? „Schon heute, und dies wird sich in der Zukunft verstärken, sind die Entwicklungsländer stärker vom Klimawandel betroffen als die Industriestaaten. Letztere wiederum sind ganz überwiegend für die bisherigen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Es ist daher die Pflicht der Industriestaaten, die Entwicklungsländer sowohl finanziell als auch durch Wissens- und Technologietransfer zu unterstützen“, so Guillén Bolaños.

Die Aufbruchsstimmung der diesjährigen COP ist ganz entscheidend beim Thema Kohle sichtbar geworden: „Der Kohleausstieg wird global nicht mehr zu stoppen sein“, so Dr. Markus Groth, am GERICS Experte für Energie und Klimapolitik. Zentrale Impulse, die den Kohleausstieg beflügeln, sind vor allem neue Initiativen wie die von Michael Bloomberg ins Leben gerufene “Americas Pledge Initiative” sowie die von Kanada und Großbritannien vorgestellte „Global Alliance to Power Past Coal“. „Ob dies alleine ausreichen wird, um die globalen Klimaschutzziele zu erreichen, ist jedoch zu bezweifeln“, gibt Groth zu bedenken. „Daher ist es dringend geboten, dass diese Initiativen durch starke ökonomische Anreize wie einen umfassenden Mindestpreis für Treibhausgase flankiert werden. Die von Emmanuel Macron bekräftigten 30 Euro pro Tonne sind ein erstes wichtiges politisches Signal“, ergänzt der Ökonom.

„Die Unternehmen haben eine treibende Rolle eingenommen, wie man auf der COP sah“ stellt Dr. Peer Seipold fest. Seipold arbeitet am GERICS als Abteilungsleiter an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und verweist, neben Initiativen im internationalen Raum, v.a. auf zwei deutsche Unternehmensinitiativen, die im Rahmen der Klimaverhandlungen für einen deutlich ambitionierteren Klimaschutz eingetreten sind: "Eine breite Allianz von über 50 großen und mittelständischen Unternehmen sowie Unternehmensverbänden forderte dazu auf, das Thema Klimaschutz zur zentralen Aufgabe der künftigen Bundesregierung zu machen. Darüber hinaus fordern diese Allianz sowie die Exzellenzinitiative Klimaschutz-Unternehmen e.V. effiziente Maßnahmen zum Erreichen der deutschen Klimaziele bis 2020."

Prof. Dr. Steffen Bender, Leiter der GERICS-Abteilung für Klimafolgen und Ökonomie, bekräftigt die zentrale Rolle der Städte als ein Haupttreiber für den Klimawandel: „Dieser Position bewusst, haben sich im Rahmen der COP Städte-Netzwerke formiert und verstärkt, um neue und innovative Lösungen zu entwickeln“. Eine entscheidende Rolle bei der Förderung einer nachhaltigen Entwicklung kommt der Stadtplanung und Stadtentwicklung zu, insbesondere zur zukünftig besseren Steuerung des derzeit oftmals unkontrollierten und schnellen Wachstums von Megastädten in Asien und Afrika“, erläutert Bender weiter.

Im Bereich Landwirtschaft hat die COP23 aufgezeigt, wie wichtig klimatische Faktoren für die Ernährungssicherheit sind, und dass umgekehrt die Landwirtschaft auf das Klima ganz entscheidenden Einfluss hat. Vielleicht noch mehr als in anderen Bereichen müssen hier Klimaschutz und Klimaanpassung zusammen gedacht werden. „Neuere Forschung zeigt“, so Dr. Diana Rechid, am GERICS kommissarische Leiterin der Abteilung Klimasystem, „dass ‚klima-resiliente‘ Landwirtschaft klimaschädliche Effekte maßgeblich verringern kann, und dass besseres Bodenmanagement sogar die Funktion von Böden als Kohlenstoffsenke erheblich verstärken kann“. Diese Transformation der Agrarwirtschaft, analog zur Transformation der Energiesysteme, sei zwingend nötig, um sowohl die Treibhausgas- und Umweltproblematik dieses Sektors anzugehen, als auch Ressourcen wie sauberes Wasser und fruchtbare Böden zu erhalten und den Hunger zu bekämpfen: „produce more with less“, so der Vize-Direktor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO während der COP.

„Vertreter Afrikas, einem sowohl von Armut als auch von Klimawandel besonders betroffenen Kontinent, haben im Rahmen der COP die viel zu geringe Unterstützung durch die reichen Länder beklagt“, wie Dr. Andreas Hänsler, Afrika-Experte am GERICS, erläuterte. Dabei wird für die Praxis weniger eine Implementierung von fertigen Lösungen gefordert, denn Lösungen sind häufig lokal vorhanden und besser geeignet als jene aus anderen Regionen. Die mangelnde Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen und der noch nicht funktionierende tatsächliche Transfer von bereits zugesicherten Zahlungen wurden jedoch als dringendes Problem benannt.

Als positive Ergebnisse der COP23 können einige wichtige Entscheidungen genannt werden, wie die Einrichtung einer “Plattform für lokale Gemeinden und indigene Völker” und die Anerkennung des “Gender-Aktionsplans” im Rahmen der UNFCCC.

Das Paris Abkommen hat einen Dialog etabliert, der es ermöglicht, den Fortschritt bei der Umsetzung des Abkommens zu evaluieren. Der Ansatz, nach dem dieser Dialog stattfindet, wurde durch den Präsidenten der Fidji-Inseln vorgestellt (“Talanoa-Dialog”). Der Sonderbericht Weltklimarats zur 1,5ºC-Erderwärmung wird ein wichtiger Teil dieses Prozesses sein, und soll im kommenden Jahr rechtzeitig zur COP24 verabschiedet werden.

Statements und Links zur COP23